Von Volker Seifert

Eine neue Studie der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) hat mittels Fotofallen die jahreszeitlichen Wander- und Raumnutzungsmuster von drei Schalenwildarten im Alpenraum (Vertreter des Bergwalds) analysiert: Gams (Rupicapra rupicapra), Rotwild (Cervus elaphus) und Rehwild (Capreolus capreolus). Zwei Untersuchungsgebiete – das Karwendel und der Chiemgau – standen im Fokus: typische Bergwaldlandschaften mit Wechsel zwischen Wald, Alpenrasen, Hochlagen und offenen Flächen.

Methodik

  • 73 Wildkameras wurden von Juli 2018 bis Oktober 2020 installiert (32 im Karwendel, 41 im Chiemgau), strategisch über das Gelände verteilt.
  • Es entstanden über 180.000 Auslösungen mit Wildtieren, ausgewertet wurden diese nach Art und als „Ereignisse“ (alle Aufnahmen derselben Art innerhalb von 5 Minuten zählen als ein Ereignis). Effektive Kameratage: 56.752
  • Als Kennwert dient der Relative Abundanz Index (RAI): Anzahl unabhängiger Kameraauslösungen pro 100 Kameratage. Damit lässt sich die Nutzungshäufigkeit und Aktivität der jeweiligen Wildarten über Zeit und Raum abschätzen.

Wichtige Ergebnisse

  • Saisonale Wechsel: Für alle drei Wildarten zeigten sich über zwei Drittel der Fotofallenstandorte eine jahreszeitliche Verschiebung der Nutzung – also kein statisches Verbleiben auf denselben Flächen.
  • Artenspezifische Unterschiede und Gebietsspezifika:
    • Karwendel:
      • Gamswild dominierte, mit einem deutlichen Anstieg der Aktivität im Frühling und deutlicher Abnahme im Herbst/Winter.
      • Rotwild zeigte ausgeprägte Saisonalität – ebenfalls mit Spitzenzeitpunkten im Frühling und Herbst (Brunft).
      • Rehwild war selten und kaum saisonal verteilt.
    • Chiemgau:
      • Rehwild war häufig und konstant vertreten, mit einem Anstieg der Aktivität im Frühjahr und Rückgang im Spätsommer. 
      • Gams und Rotwild wiesen nur geringe saisonale Verschiebungen auf; ihre Verteilung blieb relativ stabil. 
  • Räumliche Verschiebung: Mittels geostatistischer Verfahren (Kriging) wurden die räumlichen Nutzungsschwerpunkte visualisiert und zeigten für Gams insbesondere im Karwendel deutliche saisonale Höhen- und Flächenwechsel. Im Chiemgau blieben Hauptverbreitungsgebiete meist gleich – das Rehwild verlagerte sich aber saisonal zwischen tiefen und höheren Lagen.
  • Übereinstimmung mit Losungsdaten: Die Verteilung von Losungsfunden aus Herbstsammlungen stimmte sehr gut mit den durch Fotofallen ermittelten Nutzungshöhepunkten überein — insbesondere bei Gams und Rotwild (Spearman-Korrelation ρ > 0,83; p < 0,01). Das stärkt die Aussagekraft des Kamera-Monitorings.

Bedeutung für Wildtiermanagement & Jagd

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag für ein evidenzbasiertes Wildtiermanagement in Gebirgsregionen:

  • Jahreszeitliche Wildverlagerungen (Einstand ↔ Äsungshabitate, Sommer- und Wintereinstände) sind Realität – dies sollte bei Abschussplanung, Hege und Lebensraumgestaltung berücksichtigt werden.
  • Identifikation von Winterlebensräumen und Überwinterungsschwerpunkten: Besonders bei Rot- und Gamswild lassen sich wichtige Wintereinstände ausmachen. Diese sind für Wildschutz, Fütterungsmanagement oder Ausweisung von Wildruhezonen relevant.
  • Planung forstlicher Maßnahmen & Schutzgebiete: Eingriffe in den Wald (z. B. Holzernte, Freizeitnutzung) können mit Rücksicht auf sensible Wildphasen temporär eingeschränkt werden – um sensible Zeiten wie Brunft oder Setzzeit zu schützen.
  • Instrument für Monitoring & Hege: Fotofallen erweisen sich als wertvolles, nicht-invasives Werkzeug, auch in schwer zugänglichen Gebirgswäldern, um das Raum-Zeit-Verhalten der Wildarten über Jahre zu beobachten.

Fazit für die jagdliche Praxis

Der Einsatz von Fotofallen in alpinen und bergmischwäldlichen Lebensräumen liefert eindrucksvolle Einblicke in das saisonale Wander- und Raumnutzungsverhalten von Schalenwild. Das Ergebnis: Wild bewegt sich nicht statisch durch das Revier, sondern wechselt je nach Jahreszeit, Witterung und Habitat zwischen unterschiedlichem Terrain.

Für Jäger und Forstverwalter bedeutet das: Management und Bestandsplanung müssen flexibel, orts- und zeitbezogen sein – alte Standardannahmen reichen nicht mehr aus. Mit Kamerafallen-Monitoring eröffnen sich neue, datenbasierte Möglichkeiten, Wildökologie, Jagd und Schutz von Lebensräumen unter veränderten Umweltbedingungen besser in Einklang zu bringen.

 

Weitere Informationen: Edelhoff, H.; Dachs, D.; Peters, W. (2025): Fotofallen zeigen saisonale Raumnutzung von Schalenwild im Bergwald. LWF aktuell 154, S. 8-13 (Artikel zur Ansicht)